„DAS HERZ ZUM VATERLAND“
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Fast wie aus einem Harry-Potter-Film.

Der kleine Laden sah wirklich so aus. Ganz in der Nähe der Hochbahn, da wo es am meisten zieht, wenn die Züge über die Gleise rumpeln, hatte ich ihn entdeckt.

Ich war schon eine Weile unterwegs gewesen, hatte mich auf der Suche nach den unvermeidlichen Weihnachtsgeschenken durch die Straßen treiben lassen. Der Schnee fiel gleichmäßig schon seit Stunden, wurde immer dichter. Nach und nach verließ ich die großen Straßen, schlenderte ohne Aufmerksamkeit walten zu lassen, durch enge Gassen. Waren anfangs noch Passanten dichtgedrängt um mich herum, begleitete mich nun niemand mehr. All der Weihnachtstrubel, dem sich die Menschheit um diese Zeit hingab, freiwillig oder zwangsläufig, lag hinter mir.

Und irgendwann blieb ich stehen. Geduckt im Mauerwerk, wie übriggeblieben, tauchte er vor mir auf, doch beinahe hätte ich ihn übersehen. Er war so unscheinbar, dass man leicht daran vorbei lief. Es roch komisch, als ich direkt davor stand. Ein wenig nach muffigem Keller und alten Klamotten und der Schnee legte sich gnädig auf all den Dreck und Staub, der das Mauerwerk verunzierte. Erst da sah ich genauer in die schmutzige Schaufensterscheibe, durch die man kaum etwas erkennen konnte. 

‚Vaterland – Utensilien, en gros et en detail‘ stand hier in ehemals weißen Lettern auf das Glas gemalt. Wenn hier überhaupt einmal so etwas wie geschäftlicher Verkehr stattgefunden hat, dann war das lange her. Was für ein komischer Ort, schoss es mir durch den Kopf. Will man hier überhaupt etwas verkaufen? Oder liegt der Besitzer schon seit 20 Jahren tot hinter dem Tresen und keiner hat es bemerkt? Ich versuchte einen Blick in die Auslagen zu werfen. Außer ein paar vergilbten Büchern und einer alten Fahne, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, war nichts zu entdecken. Direkt neben dem Schaufenster befand sich der Eingang. Ich drückte die Klinke, die erstaunlicherweise leicht beweglich war. Eine Ladenglocke hätte nun eigentlich läuten müssen, aber alles blieb still. Dunkel war es innen, überall Spinnweben, die aber niemanden zu stören schienen. An einem Tresen aus Holz stand in geschnitzten Buchstaben:

‚Üb immer Treu und Redlichkeit.‘

Als aus dem hinteren Bereich eine Figur nach vorne schlurfte, fiel mir ein, dass ich gar kein Anliegen hatte, hier zu sein. 

»Juten Tach, Se wünschen?«, fragte ein altes Männchen in Grau, etwas unfreundlich.

Vielleicht hatte er es bisher in seinem Leben mit sehr unzufriedener Kundschaft zu tun gehabt. Sein Ton war rauh und abweisend, tot schien er aber jedenfalls nicht zu sein, was mich ein wenig beruhigte. Ich hatte grade keine rechte Lust auf mumifizierte Leichen, die niemand vermisste. Das graue Männchen wurde noch ein wenig lebendiger, als ich etwas Interesse heuchelte.

»Wat suchen Se denn?«, fragte er zunehmend freundlicher. Er kniff die Augen ein wenig zusammen und seine buschigen Brauen, auch in grau, machten das alles mit, hüpften auf und ab und unterstrichen so, was er sagte.

»Äh, ja… genau genommen, sehe ich hier nur Staub und Spinnweben.«, hüstelte ich und erschrak über meine Offenheit, die nie meine Stärke war. Man hielt mir sonst immer vor, zu verschlossen zu sein, mit meiner Meinung stets hinter dem Berg zu halten. Was war nur in mich gefahren?

»Staub und Spinnweben über Gleichheit und Aufrichtigkeit. So is et nu mal.«

Der alte Mann ging an die Ladentür, öffnete sie und lugte nach draußen. 

»Wenich Kundschaft.«, murmelte er und ich dachte wieder daran, was die hier auch eigentlich kaufen sollte.

»Haben sie nicht mal überlegt, dass sie ihre..äh…ihre Waren vielleicht ein wenig heller und freundlicher präsentieren sollten?«

»Nee«, rief er erbost. »Woßu?«

»Äh, damit man die Kunden lockt?«, erwiderte ich und setzte mich auf einen wackligen Hocker, der in einer noch dunkleren Ecke stand.

»Wie würden sie Jottesfurcht und Nächstenliebe, Toleranz, Schönheit und Wohlstand, Treue und Jerechtigkeit, Tujend und Moral denn präsentieren?«

Er stand wieder hinter seinem Holztresen und sah zu mir herüber.

Ich verstand nicht, was er meinte, wagte aber auch nicht zu fragen. Erst jetzt fiel mir eine Fahne auf, die so verstaubt wie alles andere hier im Raum, in der Ecke hinter mir stand. Sie war übergroß und ich konnte nicht genau erkennen, zu welchem Land sie wohl gehörte.

»Ohne det allet, funktioniert eene Jesellschaft nich, aber die Menschen meiden mich und menen Laden, jehen lieber innet Kino und sehen dort, wie man det 5. und 7. Jebot bricht.«

Ich überlegte, wie das 5.und 7. Gebot lautete, aber es fiel mir nicht ein.

»Wie lauten die Gebote?«, fragte ich ihn.

»Du-sollst-nicht-töten-und-nicht-stehlen.«, sagte er betont akzentuiert in angestrengtem Hochdeutsch, kramte dann in seiner Hosentasche und holte einen Schlüssel hervor.

»Da, nehmen Se.«

Er hielt ihn mir hin und ich griff automatisch danach, drehte das rostige Stück in meinen Händen.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Er jehört zur Jlasvitrine.«

Der Graue deutete mit dem Finger auf einen Schrank neben mir. Von meinem Sitz aus konnte ich den Schlüssel ins Schloss stecken. Er passte exakt.

»Bevor Se ihn öffnen, überlejen Se jenau, ob sie det auch wollen.«, sagte er.

Ich wurde neugierig, spürte aber auch so etwas wie Furcht, die langsam meinen Nacken empor kroch. Was hatte dieser alte Kauz denn darin versteckt? Vielleicht doch die mumifizierte Putzfrau dieses Geschäftes? Man hört ja so manches.

»Wie soll ich wissen, ob ich etwas wirklich will, wenn ich gar nicht weiß, was sich in dem Schrank befindet?« Ich wurde mutiger.

»Darin finden Se die Vorstellungen, die in unserer Gesellschaft als wünschenswert anerkannt werden, uns Orientierung geben, unser Verhalten regulieren. Det menschliche Jewissen, wenn Se so wollen.« Er wandte sich ab und schlurfte in seinen hinteren Raum zurück, kam aber sehr bald wieder hervor und hielt mir ein Buch vor die Nase.

Ich pustete den Staub vom Deckel, der sich daraufhin in einem schönen Blau zeigte. In gestochener Goldschrift sah man die fünf Buchstaben, die das Wort Bibel bildeten.

»Hier sehen Se den Ursprung von allet.«, raunte er.

Ich nahm das Buch in die Hand und räusperte mich. Zuletzt dort hineingesehen hatte ich sicher zu meiner Konfirmation.

»Kennen Se sich darin aus?«, fragte er mich plötzlich.

»Ich denke ja.«, antwortete ich und spürte mein schlechtes Gewissen.

»Sind Se uffrichtig?« Er kam einen Schritt näher, ging an mir vorbei und drehte den Schlüssel im Schloss der Vitrine. Die Tür sprang knarrend auf. Lange hatte die keiner mehr geöffnet.

»Nein, ich kenne mich nicht in der Bibel aus,« murmelte ich.

»So sind Se nun im Anjesicht det Inhaltes von diese Vitrine doch uffrichtig.«, bemerkte der Alte.

»Sehen Se nur hinein.« forderte er mich auf.

Ich stand auf und ging zum Schrank, der, wie ich schon berichtete, kaum einen Schritt entfernt lag.

»Ich sehe nichts.«, sagte ich zu ihm.

»Sehn Se nur jenauer hin. Dann wern Se se schon finden, die wünschenswerten Vorstellungen vonne Menschheit, nach den wir uns einst jerichtet haben und die nun niemand mehr jeschenkt haben, jeschweige denn koofen will. Sehen Se nur jenauer hin!«

Ich sah noch immer nichts. Der Schrank war leer. Mir kam in den Sinn, dass der Alte vielleicht ein wenig sonderbar war und eher in die Städtische Nervenheilanstalt gebracht werden sollte. Sicher hatte er durch den letzten Krieg mehr gelitten als andere oder schwere Verluste in der Familie ließen ihn zu dem werden, was er hier nun darstellte.

»Sind Se fleißig, jradlinig und jerecht?«, fragte er mich in meine Gedanken hinein.

Ich wurde ärgerlich, kam mir langsam vor wie damals, als mein Vater mich wegen des Nichtvorhandenseins der angesprochenen Dinge gleich in mein Zimmer schickte und Stubenarrest verhängte.

»Wie kommen Sie dazu, mich sowas zu fragen?«, warf ich ihm ärgerlich entgegen.

»Warum antworten Se nich einfach, sagen mir, det Ihnen diese Dinge abhanden jekommen sind. Genau wie die Jottesfurcht, der Ordnungssinn, die Härte gegen sich selbst, der Mut, det Pflichtbewusstsein und die Redlichkeit.«

»Ach, sie können mich mal! Sie gehören in die Klapsmühle! Was geht Sie mein Ordnungssinn an? Jaja und Pflichtbewusstsein und Härte gegen sich selbst, hatten wir schon zur Genüge. Schon vergessen?« Ich wurde maßlos wütend und war kurz davor, ihn zu würgen und mausetot hinter den Holztresen zu legen. Dort fände ihn die nächsten Jahre keiner, da nur solche Trottel wie ich sich in diesen Laden verlaufen können.

»Ick habe die Bescheidenheit verjessen.«, sagte er. »Sind Se bescheiden, unbestechlich und zuverlässig?«

»Nein! Das bin ich nicht!«, murrte ich.

»Sind Se tapfer, können Se leiden, ohne zu klagen?« Er hörte nicht auf damit und ich kniete schon auf dem harten, dreckigen Holzboden, die Hände zu Fäusten geballt.

»Nein, nein, ich bin das alles nicht. Ich bin unordentlich, ungehorsam, ich klage, wenn ich leide, bin ein Angeber und unzuverlässig. Ich war vor Jahren das letzte Mal in der Kirche, habe den Geburtstag meiner Mutter vergessen und schenke meiner Freundin nie einen Blumenstrauß, sondern betrüge sie mit anderen Frauen. Ich bin ein Versager, ein Nichts. Sind Sie nun zufrieden?«

»Wie sieht et aus mit de Sparsamkeit, de Toleranz?«

Er wollte einfach nicht aufhören.

»Wie halten Sie et mit de Frömmigkeit? Sind Se tapfer, jerecht und enthaltsam?«

Umständlich, aber ganz ruhig, kam ich vom Boden wieder hoch, richtete mich in meiner gesamten Größe auf und überragte ihn so um einige Zentimeter. 

»Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe mit dem Quatsch? Warum quälen sie mich mit diesen verstaubten Sekundärtugenden, die keinen Menschen mehr hinter dem Ofen hervorlocken?«

»Det is et juter Mann, det is et.« Der Alte nickte mehrmals und kniff die Augen zusammen.

»Wenn Ihnen alternative Handlungsmöchlichkeiten zur Verfüjung stehn, für welche werden Se sich entscheiden? An welchen Maßstab orientieren Se sich?«

»Ich weiß es nicht.«, sagte ich. »Vielleicht an dem Gewinnbringendsten.«

»Jibt et Jrundwerte, nach denen Se sich richten?«

»Nein. Ich bin frei in meinen Entscheidungen.«, antwortete ich und merkte, wie dumm die Aussage wirken musste.

»Wat is sittlich falsch für Se, wat richtig? Jut und Böse, wat is det? Jibt et eene alljemein jültige Rejel für diese Werte?«

»Ich weiß es nicht.«, sagte ich und überlegte, ob dieses alles mit dem offenen Schrank zu tun hatte.

»Sehen Se hier.« Der Alte hielt ein Kästchen hoch, das er von mir unbemerkt die ganze Zeit in der Hand hielt. Es musste aus der Glasvitrine stammen.

»Was ist das?«, fragte ich, wollte es aber eigentlich gar nicht wissen.

»Wollen Se hineinsehen?« Er sah mich mit seinen Knopfaugen durchdringend an.

»Eigentlich nicht.«, antwortete ich ehrlich.

»Es ist det letzte seiner Art. Früher hatte ich viele davon, die Leute rissen sich darum, dann wollte es keener mehr haben und es wurde zum Ladenhüter. Dieses ist mir als Letztes geblieben. Hin und wieder schaut jemand vorbei und fragt danach, aber ich jebe es nicht mehr heraus. Ich behalte es und zeije es nur noch solchen Kunden wie Ihnen. Wenn die es wollen.«

»Was ist es denn?«, stöhnte ich. Ich hatte die Nase voll von diesem Laden, diesem alten Mann und all dem Staub um mich herum.

»Kommen Se näher und schauen sie hinein.« Ganz vorsichtig öffnete er das Kästchen, so als ob der Inhalt gleich davon flöge, wenn man ihm die Freiheit wieder gäbe.

Ich machte einen Schritt auf ihn zu.

»Hier, schaun Se!«, sagte er. »Hier, ein echtet deutschet Nationalgefühl.«

Zögerlich sah ich in die geöffnete Kiste. Unangenehmer Geruch kroch einem in die Nase, noch bevor man richtig sehen konnte, worum es sich handelte. Und dann, ich hielt den Atem an, dann ließ ich meine Augen hinab wandern, schickte sie über den Rand des Kästchens und erstarrte.

Da lag, schon mehr als mumifiziert, mit dem Staub der Jahre behaftet, ein menschliches Herz. Noch bevor ich etwas sagen konnte, klappte er den Deckel wieder zu.

»Ick schenke et Ihnen.«, sagte er. »Ick werd meen Jeschäft schließen. Es passt nich mehr in die Zeit.«

Mit diesen Worten drückte er mir das Kästchen in die Hände und schob mich gleichzeitig aus dem Laden. Hinter mir wurde die Tür von innen verschlossen. Zwei alte Holzjalousien fielen krachend herunter und schlossen Schaufenster und Ladentür, so dass man nicht mehr hineinsehen konnte.

Da stand ich nun, mitten auf dem Gehweg im Schneegestöber mit einem verstaubten Holzkasten im Arm. Zwei Kinder kamen angelaufen, stießen mich an:

»Wat haste da?«, fragte das eine. Worauf das andere Kind die Frage gleich wiederholte: »Wat hast´n da? Isn dit?«

»Nichts für euch!«, wehrte ich ab, hielt das Kästchen hoch in die Luft, so dass sie es nicht erreichen konnten.

»Wat is et? Lass ma kieken, sonst hol ick meen jroßen Bruda!«, hörte ich von unten zu mir heraufrufen, während die Kleinen sich an mir empor hangelten.

»Lieber nicht, Kinder.« Sie zerrten an mir, benahmen sich wie einem Zillebild entsprungen, rieben ihre Rotznasen an meinem Mantel und trampelten auf meinen Kaschmirschal, der sich selbständig gemacht hatte und auf dem Boden schleifte.

Irgendwann, ich hatte mich von der Drohung des Kampfes mit dem großen Bruder nicht beeindrucken lassen, ließen sie von mir ab und liefen laut schimpfend oder lachend, so genau konnte man das nicht ausmachen, die Straße hinunter.

Wohin jetzt damit, mit diesem, diesem Teil? Zur Polizei, vielleicht? Denn möglicherweise hatte der Alte noch weitere Teile davon in seinen Schränken. 

Mir lief es kalt den Rücken herunter.

Ich überlegte, ob ich mir den Inhalt des Kastens nicht doch einmal näher betrachten sollte. Und so beschloss ich, es erst einmal mit nach Hause zu nehmen und dann würde man mal weitersehen.

Seitdem steht es auf meiner Kommode im Wohnzimmer. Ich werde nun die Polizei anrufen, jedoch bin ich mir nicht sicher, ob sie mir glauben, dass ich nichts mit der Sache zu tun habe. Welche Sache? Ja, was ist da eigentlich passiert? Hat der Alte seine Angestellten umgebracht, zerstückelt und…. oder ist es nur ein Gummiherz vom letzten Deutsch-Französischen Volksfest, das jedes Jahr im Wedding stattfindet?

Ich rufe die Polizei an. Der Beamte am Apparat ist freundlich und scheint kompetent. Er sagt, dass ich gerne bei ihnen vorbeikommen könnte. Die Dienststelle ist rund um die Uhr besetzt. So gehe ich los, Ernst-Reuter-Platz, gleich da um die Ecke, wo die Huren ihre langen Beine in die Nacht halten. Ich betrete das Gebäude, den Kasten unterm Arm und grüße jeden freundlich, der mir begegnet.

»Guten Tag.« Fast ziehe ich den nicht vorhandenen Hut. Man soll mir nicht nachsagen, ich hätte kein Benehmen. Vielleicht will ich auch nur nicht unangenehm auffallen. Damit, bevor ich erzählen kann, mir nicht jemand das Kästchen wegnimmt und mich verdächtigt.

»Was tragen Sie denn da mit sich herum?«, fragt jemand hinter mir.

Beim Umdrehen entdecke ich einen Uniformierten, der recht böse auf mein Unterarmpräsent schaut.

»Ich, ja, ich bin genau deshalb gekommen.«, stottere ich.

»WAS IST IN DEM KASTEN?« Seine Stimme erhebt sich bedrohlich. Sicher vermutet er eine Paketbombe oder sowas.

»Es ist nicht so wie Sie denken.«, sage ich und halte das Kästchen noch fester an mich gedrückt.

»Kommen Sie mit, stellen Sie es dort ab!« Er weist auf eine Bank im Flur des Polizeigebäudes.

»Nein, das geht nicht.«, sage ich und halte es noch fester.

»Und ob, das geht!«, berichtigt er mich.

Jetzt steht er vor mir, überragt mich um viele Zentimeter und seine Jacke mit allen Inhalten, die so ein Ordnungshüter mit sich trägt, kommt mir bedrohlich nahe. Fast kann ich seine Sicherheitsweste, Waffe, die Dose mit Pfefferspray fühlen, so dicht hat er sich vor mir aufgebaut.

»Soll ich Sie erst mit Gewalt überzeugen?«, fragt er scheinheilig und ich gehorche der versteckten Drohung, mir einen Arm oder sonst was zu verrenken, stelle also den Kasten ab, fein säuberlich und gehe mit ihm in das danebenliegende Büro.

Sofort ruft er einen Sicherheitsbeamten über Telefon, die in derselben Minute da sind und sich am Kasten zu schaffen machen.

Das Ergebnis folgt in Sekunden.

»Harmlos!«, ruft einer in Zivil und ein weiterer macht sich am Deckel zu schaffen.

Ich sehe nicht mehr hin. Was jetzt kommt, kann ich mir ausmalen. Ich höre einen Pfiff, so als hätten sich irgendwelche Polizistinnen in Miniröcken vor den Beamten aufgebaut.

»Is ja interessant!«, sagt einer langsam und gedehnt. Und mein Polizist, der die ganze Zeit durch die geöffnete Tür der Sache folgte, steht auf und geht hin.

Mich hat man scheinbar vergessen, aber vertrauen will ich lieber nicht darauf.

Alle drei beugen sich nun über den Kasten, sehen in ihn hinein wie in eine Wiege. Gleich würde die Freude über das Neugeborene folgen. Ich sehe kurz hin und senke dann den Kopf. Ich ahne, was jetzt kommt.

»Woher haben Sie das?«, fragt mein Polizist, der mir nun wieder gegenüber sitzt und mich aus kleinen Augen anstarrt.

»Von dem Mann in dem Laden, und ich weiß, dass mir keiner glauben wird.«, sage ich beinahe trotzig.

»Welcher Mann, welcher Laden, der Reihe nach bitte.«

Der Vernehmer schlägt einen tückisch weichen Ton an.

»Ich bin zufällig auf diesen Laden aufmerksam geworden, ging spazieren, auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken, nur so, in der Nähe der Hochbahn.«

»Wo genau bitte?«

»Nicht weit vom Potsdamer Platz, glaube ich.«

»Adresse wissen sie nicht?«

»Doch, also ich glaube ja, es war in der Nähe des Potsdamer Bahnhofs am Potsdamer Platz.«

»Den Potsdamer Bahnhof gibt es nicht mehr, wo soll denn das gewesen sein?«

»Am Haus Vaterland, denke ich.« sagte ich kleinlaut. Langsam begann ich an meiner eigenen Geschichte zu zweifeln.

»Das gibt es erst recht nicht mehr, Mann. Waren Sie im Kino und haben sich einen Film über Berlin der Zwanziger Jahre angesehen, oder was?« Mein Vernehmer wird ungeduldig, scheint mir und ich rutsche auf meinem Platz hin und her.

»Aber, da gab es eine Fahne im Raum, also in dem Laden und auf der Scheibe stand, warten Sie, da stand…. also, ich habe es gleich, ja… da stand ‚Vaterland Utensilien, en gros und en detail‘. Ja, jetzt weiß ich es wieder.«

»Was soll denn das sein? Davon habe ich ja noch nie gehört. Und dann, was war dann?«

»Ich bin rein und da war so ein alter Mann, der schien nicht mehr ganz richtig im Kopf, redete von diesem und jenem, stellte mir viele Fragen und gab mir am Ende dieses Kästchen mit. Dann knallte er die Tür zu und ich bin dann auch gleich zu Ihnen.«

»Merkwürdig, das Ganze.«, sagt mein Gegenüber und kratzt sich am Kinn. »Dann zeigen Sie uns mal den Laden und den Inhaber.« Er steht auf und ich folge ihm nach draußen in eine grüne Minna. Weiß gar nicht, ob man noch so zu den Wagen, die jetzt ja blau sind, sagt.

»Wo genau lang?«, fragt der fahrende Beamte, während ich hinten sitze, neben mir der andere Polizist. 

Ich zeige ihnen den Weg. Irgendwann sind wir am Potsdamer Platz und steigen aus.

»Von hier ist es besser zu Fuß.«, sage ich und die beiden folgen mir.

Ich suche eine Weile, gehe hierhin und da hin, halte angestrengt Ausschau nach meinem Laden, den ich heute schon einmal betrat und der mir das aufregendste Abenteuer meines bisherigen Lebens verschafft hat. Der Schnee fällt wie schon den ganzen Tag in dicken Flocken. Viel können wir nicht mehr sehen.

»Hier ist der Platz, wo sich mal der Potsdamer Bahnhof befand,«, sagt mein Vernehmer belehrend, »aber das ist schon lange her. Der Bahnhof wurde im Krieg zerstört und dann abgerissen.«

Ich führe meine beiden Leibwächter in die Richtung, in der ich den Laden vermute. Leider hatte ich vorhin überhaupt nicht darauf geachtet, wohin in gehe.

»Hier war das Haus Vaterland.«, sagt mein privater Reiseführer-Polizist und ich bin sicher, dass er gleich noch eine Erklärung dranhängt.

»Und das war in den Zwanzigern DAS Erlebnisrestaurant, mit unzähligen Lokalen und viel Tamtam. Auch zerbombt und abgerissen.«

»Aber, hier war der Laden, ich weiß es genau, hier lang und dann da durch die Gassen und dann dahinten ist die Hochbahn und…«

»Wo denn? Sehen Sie hier ein Geschäft?«

Es stimmt, alles ist leer, nein, das heißt, nicht leer, sondern heutig. Alles ist heutig, im Sinne des 21. Jahrhundert. Viel Verkehr, viele Menschen, viel Rummel, laut und unerträglich und stinkend. Aber kein Laden im Harry-Potter-Stil.

»Kommen Sie!«, sagt mein privater Reiseführer und schon sind wir wieder im Revier. Nach der Feststellung meiner Personalien werde ich nach Hause entlassen und dort sitze ich nun auf dem Sofa. Das Kästchen wurde mir abgenommen und zur kriminalpolizeilichen Untersuchung gebracht. Man wird sich wieder bei mir melden.

Ich grübele. Dass morgen Heiligabend ist, interessiert mich nun kaum noch. Ich suche im Internet nach dem Laden und dem komischen Alten. Nichts. Ein Geschäft dieses Namens gibt es nicht. Nach endloser Recherche schlafe ich auf meinem Sofa ein.

Träume von Harry Potter, dem Alten, von versteckten Leichen, Weihnachtsmännern und bin froh, dass ich durch das Klingeln an der Haustür geweckt werde.

Mein privater Vernehmer steht auf dem Abtreter und begehrt Einlass. Ich gewähre es ihm und wir setzen uns. Nachdem ich ihm einen Kaffee gemacht habe, beginnt er mühselig zu erzählen.

»Also, wir sind auf etwas gestoßen, was eigentlich nicht sein kann, aber…«

»Sie machen mich neugierig.«, sage ich zittrig und verschütte etwas Kaffee auf die Tischdecke.

»Nach einiger Sucherei, Sie wissen wir haben da so unsere Möglichkeiten, sind wir auf eine Geschichte gestoßen, über einen Mörder der Zwanziger Jahre, der jedoch nie gefasst wurde damals. Er hatte die Angewohnheit stets an Heiligabend zu morden. Dazu vergiftete er seine Opfer, schnitt ihnen das Herz heraus, was er dann einbalsamiert in einem Kasten aufbewahrte. Er war Kaufmann, hatte einen kleinen Laden ganz in der Nähe des Potsdamer Platzes.«

Mir stockt der Atem.

»Genau das ist der Mann, dem ich heute begegnet bin. Aber, das kann doch nicht…«

»Eben, das kann doch nicht sein. Nur, die Geschichte stimmt bis auf´s letzte Detail. Er lockte die Menschen in seinen Laden, unterhielt sich mit ihnen, vergiftete sie und mordete sie dann.«

Ich überlege, ob der Alte mir etwas zu Trinken angeboten hatte.

»Wann war denn das, ich meine, diese Mordfälle?«

»Tja, das ist es ja, alles das geschah in den zwanziger Jahren, so etwa um 1925. Man hat ihn nicht fassen können, weil er sich dann davon machte. Möglicherweise ausgewandert nach Amerika. In seinem Laden verlor sich die Spur. Es heißt, dass er ein großer Vaterlandsverehrer war, sehr konservativ, sehr den alten Preußischen Tugenden verhaftet.«

»Bis hin zu Mord?«, entschlüpft es mir.

»Ja, sein Motiv war, so vermutete man, die Verrohung der Gesellschaft und ihre Abkehr von edlen Werten. Das konnte er nicht mit ansehen und legte daher selber Hand an.«

Ich bin sprachlos. Wie kann es mit rechten Dingen zugehen, dass ich diesem Verrückten aus einer längst vergangenen Zeit heute begegnet bin? Als hätte mein Polizist meine Gedanken erahnt, höre ich ihn sagen:

»Wir werden nicht herausfinden, was es nun war. Vielleicht sind Sie einer Halluzination erlegen? Haben schon mal von der Mordserie Mitte der Zwanziger gehört?«

»Ja, aber das Kästchen?«, sage ich hilflos.

»Ja, das ist es. Woher kommt das plötzlich nach all den Jahren?«

»Vielleicht ein Zeitloch?«, murmele ich und wage nicht, ihn anzusehen.

Mein Gast hat sich erhoben und geht an die Tür.

»Frohe Weihnachten, Herr… und schlafen Sie sich mal richtig aus.«

Beinahe hätte ich »Sie auch!« gerufen, aber ich halte mich im Zaum.

»Was passiert mit dem Kästchen und seinem Inhalt?« 

»Gerichtsmedizin.«, antwortet er, ist aber schon die Treppen hinunter und an der Haustür.

»Frohe Weihnachten!«, rufe ich ihm noch nach.

Dann gehe ich auf meinen Balkon und schaue auf die Stadt. Es hat aufgehört zu schneien. Überall Lichter, aus einigen Geschäften tönen Weihnachtslieder bis zu mir hinauf. Morgen ist Heiligabend. Ich werde mich noch einmal auf die Suche machen. Vielleicht finde ich den Laden ja wieder. Und wenn nicht, dann setze ich mich hier zuhause hin und lese ein wenig in dem Buch, das ich seit meiner Konfirmation nicht mehr in den Händen hielt.

 

Silvia Friedrich